Diese Masterarbeit untersucht Polikliniken in Deutschland als entstehende health care commons und als radical counter-imaginaries zu einem biomedikalisierten und neoliberalen Gesundheitssystem. In Zeiten zunehmender Ökonomisierung, Privatisierung und wachsender Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung verstehen sich Polikliniken als solidarisches Gegenmodell, welches Versorgung jenseits individualisierender und profitorientierter Logiken neu strukturiert. Aufbauend auf Science and Technology Studies (STS), (Gesundheits-)Aktivismusforschung und Commons-Theorien kombiniert diese Arbeit die Konzepte der Counter-Imaginaries, Radical Imaginaries und (Care) Commons, um zu analysieren, wie Polikliniken hegemoniale Gesundheitsordnungen zugleich kritisieren und präfigurativ alternative Modelle erproben. Empirisch basiert die Studie auf qualitativen Interviews, ethnographischen Beobachtungen sowie der Analyse von Dokumenten und Podcasts, die mittels reflexiver thematischer Analyse ausgewertet wurden. Die Ergebnisse zeigen, wie Polikliniken Gesundheit als soziales Produkt und öffentliches Gut rekonzeptualisieren, multiprofessionelle Zusammenarbeit und partizipative Planungsprozesse etablieren und community-basierte Prävention praktizieren. Gleichzeitig stehen sie vor Herausforderungen in Bezug auf Finanzierung, Professionalisierung und die Ambivalenzen des commoning mit und gegen Strukturen. Anstatt Polikliniken entweder als inhärent transformativ oder als vollständig in neoliberale Strukturen integriert darzustellen, begreift diese Arbeit sie als ambivalente Räume des commoning, in denen radical counter-imaginaries kontinuierlich ausgehandelt, stabilisiert und auch infrage gestellt werden. Ihr emanzipatorisches Potenzial liegt nicht in ihrer bloßen Existenz, sondern in ihrer Fähigkeit, Spannungen und strukturelle Begrenzungen reflexiv zu bearbeiten. Damit leistet diese Arbeit einen Beitrag zu STS-Debatten über Gesundheitsaktivismus, Ökonomisierung und die Rolle sozialer Bewegungen in Medizin und Gesundheitspolitik.
Luisa Edith Dagmar Gerstgrasser (Thu,) studied this question.