Obwohl es Complexity Science seit rund vier Jahrzehnten als wissenschaftlichen Begriff gibt, hat sie sich nie wirklich zu einer eigenständigen Disziplin entwickelt und wird von Wissenschaftlern stattdessen entweder als ‘Quasi-Disziplin’ oder als ‘wissenschaftliche Plattform’ bezeichnet. Einerseits verbindet Complexity Science eine ‘antireductionist’ Haltung mit der formalen Anerkennung von Unsicherheit – wobei sie die Bedeutung der ‘entstehenden’ Eigenschaften von Systemen gegenüber den einzelnen Elementen betont, aus denen sie bestehen. Andererseits setzt sie auf ein datenintensives und rein quantitatives methodisches Instrumentarium, das sich hauptsächlich auf Mathematik, Physik und Informatik stützt. Angesichts dieser methodischen Enge wird Complexity Science oft als inter- und transdisziplinäres Forschungsgebiet beschrieben, und tatsächlich gelingt es ihr, Forscher mit sehr unterschiedlichen Hintergründen unter ihrem Banner zu versammeln. Dies wird zum großen Teil auch durch die semantische Offenheit des Begriffs ‘Komplexität’ ermöglicht, wodurch Complexity Science ein breites Spektrum an Forschungsschwerpunkten abdecken kann: von der Wirtschaftswissenschaft bis zur Cybersicherheit, von der Stadtforschung bis zur Verhaltenspsychologie. Seit seinen Anfängen stellte dieses Fachgebiet eine klare Herausforderung für die akademische Tradition dar und wird zunehmend mit der Erarbeitung gesellschaftlich relevanter Erkenntnisse in Verbindung gebracht und als möglicher Lösungsansatz für die vielen Komplexitäten der heutigen Gesellschaften gefeiert. Als eigenwilliges Beispiel für zeitgenössische disziplinäre Umstrukturierungen zeigt Complexity Science, dass Bemühungen zur Verbesserung der Wissenschaft das chaotische und instabile Ergebnis gegensätzlicher und oft widersprüchlicher Kräfte sind. Aus Sicht der Wissenschafts- und Technikforschung ist es daher von entscheidender Bedeutung, darauf zu achten, wie Wissenschaftler sowohl kollektiv als auch individuell mit diesen Kräften umgehen. Zu diesem Zweck habe ich empirische Forschung am Complexity Science Hub (CSH) durchgeführt, einem Forschungszentrum für Complexity Science mit Sitz in Wien. Ich stützte mich dabei auf Dokumentenanalysen, Interviews und teilnehmende Beobachtung und konzentrierte meine Forschungsinteressen auf die Wahrnehmungen, narrativen Rekonstruktionen und Bewertungen der dort tätigen Wissenschaftler. Meine Forschungsfragen befassten sich mit drei unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen Aspekten: 1) der institutionellen Konfiguration des CSH, 2) seiner interdisziplinären Praxis und 3) der Artikulation der gesellschaftlichen Relevanz der Complexity Science. Was den ersten Punkt betrifft, so ergab sich aus meiner Forschung, dass die institutionelle Flexibilität der Complexity Science sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance darstellt. Zwar haben Forscher Schwierigkeiten, sich in der Complexity Science zugehörig oder sicher zu fühlen, doch schätzen sie die CSH auch als alternativen Raum zu traditionellen Disziplinen und der akademischen Welt im Allgemeinen. Zweitens zeigt meine Arbeit, dass die Integration von Wissen in der Complexity Science mit Asymmetrien behaftet ist. Dies beruht hauptsächlich auf der epistemischen Autorität quantitativer Ansätze und auf den übergreifenden akademischen Bewertungssystemen, die einen ständigen Publikationsdruck auf Wissenschaftler ausüben. Während Ersteres Complexity Science zugunsten einiger weniger dominanter Disziplinen verzerrt, wird Letzteres selbst von den wohlmeinendsten Wissenschaftlern als unüberwindbares Hindernis für die sorgfältige Praxis der Interdisziplinarität empfunden. Schließlich stellte ich fest, dass die Wissenschaftler am CSH die gesellschaftliche Relevanz ihrer Arbeit durch die Mobilisierung einer Vielzahl von Idealtypen und Vorstellungen von gesellschaftlichen Interventionen zum Ausdruck brachten, aber auch auf Herausforderungen und Diskrepanzen zwischen den Erwartungen an die Interaktion zwischen Wissenschaft und Gesellschaft und deren Realität stießen. Insgesamt leistet diese Arbeit einen Beitrag zur STS-Forschung der Uneinigkeit und Situiertheit der Wissenschaft und bietet eine strukturierte Fallstudie, anhand derer verfolgt werden kann, wie Veränderungen in der Beziehung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft die wissenschaftliche Praxis vor Ort verändern. Darüber hinaus liefert sie mehrere Beispiele für die Herausforderungen und Spannungen, die interdisziplinäre und transdisziplinäre Kooperationen beeinflussen können, und analysiert die Rolle quantitativer und datenintensiver Methoden sowie institutioneller und struktureller Elemente bei der Neuordnung der Disziplinen in der zeitgenössischen Wissenschaft.
Dario Feliciangeli (Thu,) studied this question.