Der Klimawandel konfrontiert Wohlfahrtsstaaten mit einem doppelten öko-sozialen Risiko: zunehmende Naturgefahren und tiefgreifender ökonomischer Transformationsdruck. Die Einhaltung des 1,5-°C-Ziels des Pariser Abkommens erfordert kostspielige Klimapolitik mit nur vagem zukünftigen Nutzen. Bereits eintretende Klimawandeleffekte verlangen hingegen sofortige öffentliche Ausgaben für Anpassungspolitiken. Diese materiellen Belastungen überschneiden sich mit kontestierten sozialen Normen über klimanfreundliches Verhalten und erzeugen ein politisches Dilemma: Regierungen müssen kostspielige Politiken zur Bewältigung öko-sozialer Risiken durchsetzen, doch ihre demokratische Umsetzbarkeit hängt von öffentlicher Unterstützung ab. Diese Dissertation untersucht, wie wohlfahrtsstaatliche Antworten die materiellen Vulnerabilitäten von Bürger:innen mit normativen Appellen zu klimafreundlichem Verhalten in Einklang bringen können. Dabei untersucht sie einen möglichen Zielkonflikt zwischen ökonomischen Bedürfnissen und sozialer Anerkennung. Der erste Beitrag analysiert Arbeitsmarktrisiken der Dekarbonisierung. Durch die Auswertung von Kompetenz- und Tätigkeitsbeschreibungen in grünen und braunen Sektoren führt er einen neuen Indikator für die Übertragbarkeit grüner Kompetenzen ein. Die Ergebnisse zeigen, dass Beschäftigte in stark emittierenden Branchen Transformationsrisiken am stärksten ausgesetzt sind. Zugleich verfügen sie aber über die höchsten übertragbaren grünen Kompetenzen, was sowohl die Notwendigkeit als auch die Kosteneffizienz zielgerichteter Weiterqualifizierung nahelegt. Der zweite Beitrag untersucht wahrgenommene Vulnerabilität gegenüber dem Klimawandel und der Klimapolitik mittels eines Conjoint-Experiments. Er zeigt, dass subjektive Vulnerabilität die Unterstützung für Minderungs- und Anpassungspolitiken stark vorhersagt. Maßgeschneiderte Kompensation erhöht die Zustimmung unter klimavulnerablen Personen wirksam, scheitert jedoch bei Bürger:innen, die Verluste durch Klimapolitik selbst erwarten – und offenbart damit Grenzen materieller Kompensation. Der dritte Beitrag testet den Zielkonflikt zwischen materiellen Bedürfnissen und sozialer Anerkennung direkt in einem Belief-Updating-Experiment. Er zeigt, dass gegenüber Klimapolitik vulnerable Bürger:innen klimafreundliche normative Informationen weniger stark rezipieren. Dies ist insbesondere bei kostspieligen (Zwangs-)Maßnahmen der Fall, was darauf hindeutet, dass Vulnerabilität die Responsivität gegenüber pro-ökologischen Normen dämpft. Zusammen zeigen die drei Beiträge, dass wirksame wohlfahrtsstaatliche Antworten auf öko-soziale Risiken detailierte Einblicke in individuell Vulnerabilitäten erfordern, die objektive Risiken und subjektive Wahrnehmungen integrieren. Kompensation und Weiterqualifizierung können materielle Risiken nur bedingt adressieren und normative Appelle allein sind nicht ausreichend, um Klimapolitikbedingte Risikowahrnehmungen zu überwinden. Dies unterstreicht einen grundlegen Trade-off in der Klimapolitik.
Benedikt Seisl (Thu,) studied this question.
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