Die Dissertation untersucht, wie regionale kollektive Emotionen über längere Zeiträume entstehen, sich verfestigen und welche Folgen sie für Unternehmenspraktiken und die wirtschaftliche Entwicklung einer Region haben. Aufbauend auf der Debatte um Left-behind Places wird argumentiert, dass regionale Unzufriedenheit nicht allein durch objektive ökonomische Indikatoren, sondern wesentlich durch kollektive Emotionen geprägt wird, die bislang kaum systematisch erforscht wurden. Es wird ein Vier-Phasen-Modell entwickelt: Vorverbitterung, Manifestierung, Verfestigung und Chronifizierung. Auf Basis von qualitativen Interviews mit Unternehmensleitungen und Expert*innen zeigt die Analyse, wie Unsicherheit, Benachteiligungsgefühle und Misstrauen schrittweise in chronische Verbitterung übergehen und durch rechtspopulistische Akteure instrumentalisiert werden. Dies birgt die Gefahr eines emotionalen Lock-in-Effekts. Zugleich wird untersucht, wie diese Emotionen Unternehmenspraktiken beeinflussen. Es zeigt sich eine Typologie aus exkludierenden, offenen und opportunistischen Unternehmen. Exkludierende Unternehmen reproduzieren fremdenfeindliche Einstellungen in Rekrutierung, Kundenbeziehungen und Netzwerken. Offene Unternehmen sanktionieren Diskriminierung und entziehen sich regionalem Druck. Opportunistische Unternehmen passen sich aus wirtschaftlicher Abhängigkeit exkludierenden Erwartungen von Belegschaft, Kundschaft und Geschäftspartnern an und tragen so unintendiert zur Verfestigung regionaler Dynamiken bei. Insgesamt verstärken diese Praktiken Polarisierungstendenzen, mindern die Attraktivität der Region für Fachkräfte, Investoren und externe Partner und gefährden ihre Wettbewerbsfähigkeit. Politisch empfohlen wird die Sensibilisierung der Bevölkerung sowie die gezielte Stärkung opportunistischer Unternehmensleitungen. Das entwickelte Phasenmodell kann als Frühwarnsystem dienen, um negative emotionale Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu ermöglichen.
Matthias Hannemann (Thu,) studied this question.