Kurzfassung Zu Beginn dieser Dissertation schien der bayerisch-tschechische Grenzraum einen eher langweiligen Fall im europäischen Kontext darzustellen. Anders als an anderen europäischen Binnengrenzen waren dort bisher kaum erneute Grenzkontrollen eingeführt worden, und es gab Anzeichen einer zunehmenden grenzübergreifenden Integration. Nichtsdestotrotz stellte sich aufgrund der belasteten Geschichte und der Komplexität dieses Grenzraums die Frage, inwieweit dieser Prozess bereits vorangeschritten war und welche Hindernisse sein weiteres Voranschreiten erschwerten. Besonders interessant war, dass die bayerische Landesplanung sogenannte grenzüberschreitende Zentrale Orte ausgewiesen hatte, die enge Verbindungen zwischen benachbarten Kommunen unmittelbar an der Grenze nahelegten. Dies bildete den Ausgangspunkt für zwei der drei Untersuchungen, die in dieser Arbeit enthalten sind. Ziel war es einerseits, mittels einer Fokusgruppe die Bürgermeister der betroffenen Kommunen nach dem Stand der grenzüberschreitenden Beziehungen und der Rolle des Planungsinstruments im Rahmen ihrer Zusammenarbeit zu befragen. Andererseits sollten die Bürgerinnen und Bürger nach ihren Beziehungen zu den jeweils benachbarten Gemeinden befragt werden, um die planerischen Vorgaben mit dem Alltag vor Ort in Beziehung zu setzen. Die ursprünglichen Annahmen wurden jedoch durch die Covid-19-Pandemie und deren Auswirkungen teilweise obsolet. Der bayerisch-tschechische Grenzraum entwickelte sich rasch zu einem Hotspot der Pandemie. Vor diesem Hintergrund mussten nicht nur die ursprünglichen Ansätze angepasst werden, sondern es rückte auch die Rolle der Grenzpendler in der fortlaufenden Aushandlung des Grenzregimes in den Fokus einer dritten Untersuchung. Da sich dieser dritte Ansatz auf ähnliche Lokalitäten bezog wie die beiden anderen, können die Ergebnisse als komplementäre empirische Schlaglichter zusammengeführt und als Teil der sozialen Produktion eines Grenzraums analysiert werden. Dazu wird im Rahmen der Arbeit zunächst ein heuristischer Ansatz entwickelt. Einerseits legt dieser den Fokus auf das Zusammenspiel von Prozessen der Grenzziehung und der grenzüberschreitenden Integration. Andererseits setzt er den lokalen Kontext in Beziehung zu umfassenderen Entwicklungen und Rahmenbedingungen des europäischen Integrationsprozesses. Im Ergebnis lassen sich nicht nur grob zwei unterschiedliche Modi der sozialen Produktion des bayerisch-tschechischen Grenzraums identifizieren, sondern auch deren jeweilige Ambivalenzen. Sie unterstreichen, dass grenzüberschreitende Integration keinen linearen Prozess darstellt, sondern als offene, vielschichtige und teils widersprüchliche Entwicklung begriffen werden sollte. Örtlichkeiten unmittelbar an einer Grenze erweisen sich als zentrale Räume, um diese Spannungsverhältnisse sichtbar zu machen. Hier verdichten sich auch aktuelle Debatten über die Überwindung von Grenzhindernissen und die Stärkung der Resilienz von Grenzregionen im Alltag der Bevölkerung
Stefan Bloßfeldt (Thu,) studied this question.
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