Diese Forschungsarbeit untersucht, wie Einbürgerungsprozesse in Österreich — insbesondere die gesetzliche Verpflichtung zum Verzicht auf die kolumbianische Staatsbürgerschaft — die Erfahrungen von Staatsbürgerschaft, Nationalismus, Zugehörigkeit, Identität, Loyalität und politischer Handlungsfähigkeit kolumbianischer Migrant:innen in Wien und Umgebung prägen. Auf der Grundlage von semistrukturierten Interviews und der qualitativen Analyse der Erzählungen der Teilnehmer:innen untersucht die Studie, wie diese Subjekte ihre Position innerhalb eines transnationalen sozialen Feldes erleben, in dem Staatsbürgerschaft gleichzeitig als rechtliche Ressource, als Form von symbolischem Kapital und als emotionaler Marker fungiert. Die Ergebnisse zeigen, dass die österreichische Staatsbürgerschaft weitgehend als Weg zu Sicherheit, Stabilität und erweiterten Möglichkeiten wahrgenommen wird, in einem Kontext, in dem ein europäischer Pass im globalen Mobilitätsregime einen hohen Stellenwert besitzt. Dieser breitere Zugang zu Rechten ist jedoch in der Regel mit dem Verlust der kolumbianischen Staatsangehörigkeit verbunden, was zum faktischen Entzug politischer Rechte und zu einer symbolischen Distanzierung vom Herkunftsland führt. Der Abbruch der rechtlichen Bindung zu Kolumbien erzeugt ambivalente Emotionen, die von Erleichterung und Dankbarkeit bis hin zu identitätsbezogener Trauer, Nostalgie und einem Gefühl des politischen Verstummens reichen. Diese Spannungen können in den Erzählungen von Migrantinnen unterschiedlich ausfallen oder eine besondere Gewichtung erfahren, da deren Biografien durch affektive Beziehungen, Sorgeverantwortung, Klassenposition und Rechtsstatus geprägt sind, was die Notwendigkeit eines intersektionalen Ansatzes unterstreicht. Die Chicana Border Theory hilft dabei, Staatsbürgerschaft als liminale und identitätsstiftende Erfahrung zu konzeptualisieren, während Bourdieus kritische Soziologie ihren Charakter als soziales und symbolisches Kapital hervorhebt, das in globale Hierarchien eingebettet ist. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass restriktive Staatsangehörigkeitsregime nicht nur den formalen Zugang zu Rechten, sondern auch das emotionales Erleben, die transnationalen Bindungen und die Handlungsmöglichkeiten von Migrant:innen prägen. Diese Studie liefert empirische Evidenz für ein weitgehend unerforschtes Feld — die kolumbianische Diaspora in Österreich — und bereichert internationale Debatten über Staatsbürgerschaft, Gender und Migration aus der Perspektive gelebter Erfahrung, insbesondere in Zeiten erstarkender Anti-Migrationsbewegungen im globalen Norden.
Santiago Gómez Hernández (Tue,) studied this question.