Online-Feindseligkeit ist zu einem zunehmend dominanten Phänomen in digitalen Räumen geworden, insbesondere wenn sie sich gegen marginalisierte soziale Gruppen wie die LGBTQIA+-Community richtet. Sowohl Betroffene, in diesem Fall LGBTQIA+-Personen, als auch Bystander (unbeteiligte, zufällig exponierte „Zuschauende“) können erheblich beeinträchtigt werden, wenn die Exposition gegenüber solcher Online-Feindseligkeit häufig und intensiv ist. Für Betroffene können ein Rückgang der psychischen Gesundheit, etwa durch Depressionen, Angst, Identitätsverbergung oder sogar suizidale Gedanken, Folgen dieser Exposition sein, während Bystander häufig Anzeichen von Desensibilisierung, moralischer Distanzierung oder sogar anti-Minoritäten Radikalisierung zeigen. Zentrale Forschungslücken betreffen bislang eine begrenzte methodische Vielfalt sowie ein unzureichendes theoretisches Verständnis der Bandbreite (z. B. Unhöflichkeit vs. Intoleranz vs. Bedrohungen), Häufigkeit und gruppendynamischen Prozesse wahrgenommener Feindseligkeit. Diese Dissertation adressiert diese Lücken in insgesamt sechs Studien mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen: Die erste Studie ist eine 3×2 experimentelle Untersuchung (N = 461) und analysierte, wie Bystander eine Bandbreite feindseliger Online-Kommentare gegenüber einer Wissenschaftlerin wahrnehmen, wobei ethnische (Schwarz vs. Weiß) sowie sexuelle/geschlechtliche Identität (heterosexuell vs. homosexuell vs. trans) variiert wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass ethnische Hinweise stärkere moralische Empörung auslösten, während sexuelle/geschlechtliche Hinweise dies nicht taten, was auf eine mögliche Rolle von Cisheteronormativität bei der unterschiedlichen Sensibilität hindeutet. Die zweite Studie war eine mobile Experience-Sampling-Studie (N = 250 LGBTQIA+-Teilnehmende), in der drei tägliche In-situ-Befragungen über eine Woche während des Pride Months eine häufige Exposition gegenüber Feindseligkeit über verschiedene Formen hinweg (23% der Berichte), unmittelbare Effekte von Identitätsbedrohung sowie potenzielle kumulative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit zeigten, was auf mögliche langfristige Beeinträchtigungen hindeutet. Die dritte Studie war eine zweizeitige Panelstudie mit Bystandern (W1: N = 1.491; W2: N = 1.032), deren wiederholte Erhebungen zur Exposition gegenüber verschiedenen Formen anti-LGBTQIA+-Feindseligkeit ergaben, dass etwa die Hälfte der Teilnehmenden über die Zeit hinweg moderater bis häufiger unfreiwilliger Exposition ausgesetzt war, Interventionen jedoch trotz emotionaler, kognitiver und behavioraler Auswirkungen selten blieben, was auf anhaltende Bystander-Apathie hinweist. Die vierte Studie verwendete ein 3×3 experimentelles Design (N = 450), in dem Bystander zufällig verschiedenen Nudge-Bedingungen (Awareness vs. Awareness + behavioral vs. keine) sowie Feindseligkeitsarten (Unhöflichkeit vs. Intoleranz vs. zivil) zugewiesen wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass Nudges die Interventionsbereitschaft nicht signifikant erhöhten, was auf mögliche Reaktanz oder Grenzen des Nudge-Designs hindeutet. In einer 2×2 experimentellen Studie (N = 570 LGBTQIA+-Teilnehmende) manipulierte die fünfte Studie Identitätspriming (positiv vs. neutral) sowie Bystander-Intervention (vorhanden vs. nicht vorhanden) und zeigte, dass Bystander-Handlungen zwar positiv bewertet wurden, jedoch die Wahrnehmungen der Betroffenen nicht signifikant veränderten, was auf stabile Identitätsprozesse oder Deckeneffekte hindeutet. Schließlich war die sechste Studie eine qualitative Interviewstudie (N = 18 LGBTQIA+-Personen), in der die Teilnehmenden eine hohe Prävalenz und emotionale Belastung durch Feindseligkeit über verschiedene Identitäten hinweg berichteten. Dabei wurde In-Group-Feindseligkeit als ähnlich häufig und besonders verletzend wahrgenommen, was auf ein Resilienz–Coping-Paradox hinweist. Zusammenfassend zeigt diese Dissertation über alle Studien hinweg, dass a) die Exposition gegenüber LGBTQIA+-Feindseligkeit häufig ist, b) sie emotional belastend ist und c) sowohl Betroffene als auch Bystander betrifft, während Interventionen selten bleiben. Relationale und kontextuelle Faktoren wie Identität, ethnische Hinweise und Gruppendynamiken beeinflussen moralische Empörung und Bystander-Reaktionen, während Nudging oder kurzfristige Interventionen häufig nur begrenzte Effekte zeigen. Betroffene erleben sowohl Out-Group- als auch In-Group-Feindseligkeit, wobei Resilienz die Belastung zwar abmildert, aber nicht vollständig aufhebt, was auf potenzielle langfristige Auswirkungen auf die psychische Gesundheit hinweist. Diese Ergebnisse erweitern das wissenschaftliche Verständnis von digitaler und offlinebezogener Diskriminierung, Bystander-Verhalten und Identitätsprozessen und unterstreichen zugleich den dringenden gesellschaftlichen Bedarf an evidenzbasierten Interventionen zur Reduktion von Online- und Offline-Feindseligkeit gegenüber LGBTQIA+-Personen.
Melanie Saumer (Mon,) studied this question.