Lange Zeit war das Tagebuch der einzige literarische Raum, der für Frauen zugänglich war. Für sie war es nicht nur eine Textart, die ihre täglichen Aufzeichnungen sammelte. Es war ein Mittel zur Schaffung ihres Selbstbildes, zur Ausdruck ihres literarischen Talents und zur Reflexion über die kulturellen Codes, die sie an den Rand der Gesellschaft drängen. Diese Funktionen und die enge Verbindung zwischen dem Tagebuchschreiben und dem weiblichen Universum waren auch im Russland des 19. Jahrhunderts relevant. Dieser Artikel zielt darauf ab, die genre- und thematischen Konstanten und Transformationen in der russischen Tagebuchprosa von Frauen dieser Zeit zu analysieren. Die Studie untersucht und vergleicht die Lebensjournale von Anna Petrovna Kern (1800–1879) und Elena Andreevna Stakenschneider (1836–1897), die jeweils in der ersten und zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschrieben wurden. Anna Petrovna und Elena Andreevna sind am besten bekannt für ihre Verbindung zu einigen der bedeutendsten Autoren der russischen Literatur. Der Name A. P. Kern wird immer mit A. S. Puschkin assoziiert, während E. A. Stakenschneider eine Freundin von F. M. Dostojewski war. Beide Frauen waren jedoch auch die Autorinnen interessanter Tagebücher. Dieser Artikel hebt die Ähnlichkeiten und Unterschiede in den narrativen Strategien und in der Behandlung verschiedener Themen (Familie, Literatur, Selbstporträt, Rolle der Frauen) in diesen Ego-Dokumenten hervor. Gleichzeitig zeigt die Analyse die Rolle des Tagebuchs im Leben der Tagebuchschreiberinnen auf. Sie nutzten ihre Journale, um ihre existenzielle Selbstexploration durchzuführen und ihre protestierende Stimme gegen die „ungerechte“ (patriarchale) Realität um sie herum aufzuzeichnen.
Rebecca Gigli (Di,) hat diese Frage untersucht.