Dual-Prozess-Theorien postulieren, dass das schnelle, intuitive System 1 oft Verzerrungen erzeugt, während das langsame, überlegte System 2 diese korrigiert. Dieses Manuskript stellt diese traditionelle Sichtweise in Frage, indem es Theorie und Evidenz zum motivierten System-2-Argumentieren (MS2R) synthetisiert – die Neigung, Überlegungen zur Verteidigung identitätsrelevanter Überzeugungen zu vereinnahmen. In verschiedenen Domänen (z. B. Klimarisiko, Impfstoffe, Waffengesetzgebung) wurde gezeigt, dass die Polarisierung mit dem Wissen über das Thema oder der Numeracy zunimmt, wenn Fragen soziale Identität betreffen, während dieselben Fähigkeiten die Genauigkeit bei identitätsneutralen Problemen verbessern. Sechs komplementäre Mechanismen werden überprüft, um diese Effekte zu erklären: (a) Bestätigungsfehler und motivierter Skeptizismus; (b) identitätsschützende Kognition; (c) Überzeugungen als wertsignalisierend (expressive Nützlichkeit); (d) kognitive Dissonanz und Konfliktrationalisierung; (e) die argumentative Theorie des Argumentierens; und (f) begrenzte/rationale Ansätze (z. B. BIASR), die selektives Vertrauen als effiziente, aber polarisierende Heuristik erzeugen. Grenzbedingungen und Kritiken werden dann berücksichtigt. Hochleistungsreplikationen zeigen einen robusten gerichteten Effekt des motivierten Argumentierens, jedoch begrenzte Beweise, dass höhere Fähigkeiten Verzerrungen einheitlich verstärken; Designelemente (Mehrdeutigkeit, Anreize, Sichtbarkeit des Publikums) und affect-first-Gating erscheinen entscheidend. Identitätskongruentes Antworten wird ferner als instrumentell rationales Signalisieren unter Reputations- und Karriereanreizen, insbesondere für Eliten, neu interpretiert. Schließlich werden umsetzbare Gegenmaßnahmen vorgeschlagen: Genauigkeitsanreize und -aufforderungen, Selbstbestätigung und identitätsfreundliche Rahmung, symmetrische Prüfprotokolle (z. B. Steel-Manning), probabilistische Prognosen mit Feedback, klarheitserhöhende Datenanzeigen und vorregistrierte Kriterien sowie Prebunking. Forschungsperspektiven umfassen eine schärfere Operationalisierung zur Trennung von Fähigkeit, Disposition und Zustandseinbindung; Prozessverfolgung und psychophysiologische Marker zur Beurteilung von Mechanismen; und vorregistrierte Multi-Labor-Designs, die Mehrdeutigkeit, Anreize und Publikum variieren. Bildungstechnische Anwendungen betonen die Einbettung von Genauigkeitsanreizen, Prognoseturnieren und strukturierter adversarialer Zusammenarbeit, um System 2 von Leistungsorientierung hin zu Fehlererkennung neu auszurichten.
Hongyang Liu (Sat,) untersuchte diese Frage.