Geprägt von der Zentralität der Gesetzgebung kann man sagen, dass westliche Rechtstheorien auf einer Art von Kahnemans System 2 rationalem Denken basieren. In seinen Forschungen zur Natur des Denkens, der Wahl und der Entscheidung hat Kahneman skizziert, wie zwei verschiedene mentale Prozesse (heuristisches-faktisches System 1; bewusst-langsame System 2) innerhalb des Denkens und der Entscheidungsfindung interagieren (Kahneman 2011). In den letzten Jahrzehnten hat eine Vielzahl von Untersuchungen zur normativen praktischen Argumentation stark zugenommen. Beispielsweise hat sich im Bereich der moralischen Psychologie die Sichtweise von der Moral, die auf abstrakten Regeln basiert, hin zu Perspektiven entwickelt, die das Zusammenwirken zusätzlicher Faktoren in der moralischen Abwägung betonen (Haidt 2001; Greene 2004). Auf die rechtliche Domäne angewendet, haben solche Untersuchungen gezeigt, dass der Prozess der richterlichen Entscheidung stärker von Heuristiken und kognitiven sozialen Vorurteilen beeinflusst wird, als allgemein angenommen. Tatsächlich haben bereits in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts realistische Rechtswissenschaftler wie Jerome Frank (1949a, 1949b) und Alf Ross (1946, 1959) die psychologischen Grundlagen der richterlichen Entscheidungsfindung erforscht. Neu bewertet mit neuer Sensibilität beweisen ihre Erkenntnisse, dass eine realistische Sicht der am besten geeignete alternative Ansatz sowohl in Theorien über Rechtsquellen als auch in der richterlichen Entscheidungsfindung ist, indem sie mit den neuesten Fortschritten der Kognitionswissenschaft Schritt halten.
Alessandro Serpe (Di.,) hat diese Frage untersucht.