Prosoziales Verhalten¬–freiwillige Handlungen, die anderen nützen– ist nicht nur für das soziale Miteinander zentral, sondern hat auch für die/den prosozialen Akteur*in langfristig positive Auswirkung auf eine Vielzahl an Faktoren (Flynn et al., 2015; Tintori et al., 2021). Die Entwicklung, Stabilität und Aufrechterhaltung prosozialen Verhaltens stellen daher zentrale Entwicklungsaufgaben im Kindes- und Jugendalter dar. Trotz der hohen theoretischen und praktischen Relevanz prosozialen Verhaltens bestehen weiterhin substanzielle Forschungslücken hinsichtlich seiner langfristigen Entwicklungsverläufe sowie der Bedingungen, unter denen sich prosoziales Verhalten stabilisiert oder verändert. Ein bedeutender Einflussfaktor von prosozialem Verhalten ist Selbstregulation (Benita et al., 2017; Carlo et al., 2012; Moriguchi et al., 2020), ein komplexes Konstrukt, das verschiedene kognitive, affektive und behaviorale Kompetenzen umfasst (McClelland et al., 2015). Diese ermöglichen es Individuen, eigene Gedanken, Emotionen und Verhalten zu steuern, egoistische Impulse zu überwinden und somit angemessen auf Anforderungen zu reagieren (Bailey Robson et al., 2020, für eine Meta-Analyse). Weiter können moralbezogene Persönlichkeitsaspekte wie Ungerechtigkeitssensibilität und moralische Identität als intrinsische Motivatoren für prosoziales Verhalten fungieren (Aquino Schmitt et al., 2005). Trotz ihrer Bedeutung für prosoziales Verhalten ist wenig über die spezifischen Einflüsse der Selbstregulation und moralbezogene Persönlichkeitsaspekte auf prosoziales Verhalten und dessen Entwicklung bekannt. Bisherige Forschung konzentriert sich zumal meist auf die Untersuchung einzelner Selbstregulationskompetenzen, wodurch deren geteilte Varianz und der Einfluss anderer Eigenschaften außer Acht gelassen wird und nutzt Querschnittsdaten aus der frühen Kindheit, wodurch Kenntnisse über langfristige Zusammenhänge und Entwicklungsverläufe über die mittlere Kindheit hinaus begrenzt sind. Vor diesem Hintergrund untersucht dieses Forschungsprojekt die Entwicklung prosozialen Verhaltens sowie das komplexe Zusammenspiel multipler Selbstregulationskompetenzen und moralbezogener Persönlichkeitsaspekte von der mittleren Kindheit bis zur späten Adoleszenz. Die Arbeit basiert auf einem longitudinalen Multi-Methoden- und Multi-Quellen-Datensatz mit vier Messzeitpunkten über einen Zeitraum von zehn Jahren (N=1657; Alter: 6–21 Jahre). Erfasst wurden verschiedene kognitive, affektive und behaviorale Selbstregulationskompetenzen (u. A. Inhibition, kognitive Flexibilität, emotionale Reaktivität, affektive Entscheidungsfindung und Planungsverhalten), verschiedene Perspektiven der Ungerechtigkeitssensibilität (Opfer-, Beobachter- und Tätersensibilität), moralische Identität sowie prosoziales Verhalten. Studie 1 untersuchte dabei individuelle Unterschiede in der Entwicklung prosozialen Verhaltens während der mittleren Kindheit und analysierte, inwiefern sich Kinder mit unterschiedlichen Entwicklungsverläufen in ihren Selbstregulationskompetenzen unterscheiden. Studie 2 untersuchte längsschnittliche Zusammenhänge zwischen Selbstregulationskompetenzen in der mittleren Kindheit und prosozialem Verhalten im späten Jugendalter, erfasst über ökonomische Verteilungsspiele, sowie die Rolle der Ungerechtigkeitssensibilität als potenzieller Mediator. Studie 3 erweiterte diese Befunde, indem Selbstregulationskompetenzen über drei Messzeitpunkte latent modelliert, frühes prosoziales Verhalten kontrolliert und moralische Identität als weiterer moralbezogener Persönlichkeitsaspekt berücksichtigt wurden. Prosoziales Verhalten im Jugendalter wurde über Selbst- und Elternberichte erfasst. Die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes zeigen hierbei, dass sich prosoziales Verhalten bei den meisten Kindern schon vor Beginn der mittleren Kindheit entwickelt, über die mittlere Kindheit hinweg weitgehend stabil bleibt und frühe Ausprägungen den stärksten Prädiktor für spätere Prosozialität darstellen. Selbstregulation erweist sich als zentraler Einflussfaktor, dessen Bedeutung je nach Kompetenz, Entwicklungszeitpunkt, Erhebungsmethode und Geschlecht variiert. Moralbezogene Persönlichkeitsaspekte–insbesondere altruistische Ungerechtigkeitssensibilität–tragen unabhängig von selbstregulativen Fähigkeiten zum prosozialen Verhalten im späten Jugendalter bei. Die Befunde unterstreichen die Notwendigkeit entwicklungs- und geschlechtssensibler Interventionsansätze, die sowohl spezifische Selbstregulationskompetenzen als auch moralische Orientierungen frühzeitig fördern und langfristig stabilisieren. Dabei bleiben auch eine frühe Förderung und das Vorleben von prosozialem Verhalten essentiell, da gerade frühes prosoziales Verhalten den stärksten Prädiktor für späteres prosoziales Verhalten darstellt.
Carolin Ritgens (Thu,) studied this question.
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