Gegenstand dieser Studie ist die Technik des "Close Reading" in Rita Charons narrativer Medizin, die als eine der Methoden zur Operationalisierung narrativer Medizin in der zeitgenössischen klinischen Praxis betrachtet wird. Der Fokus liegt auf dem epistemischen Status dieser Technik sowie auf ihrer Bedeutung für die Überwindung der Einschränkungen evidenzbasierter und biomedizinischer Modelle der Medizin in Fällen, in denen nicht nur die biologischen Parameter der Krankheit, sondern auch Veränderungen, die die Lebenswelt des Patienten beeinflussen, klinisch signifikant werden. Dazu gehören Störungen alltäglicher Praktiken, Transformationen sozialer Rollen, Veränderungen in den Beziehungen zu Angehörigen, Schwierigkeiten bei der Artikulation von Krankheitserfahrungen und Herausforderungen bei der Entscheidungsfindung. Der Artikel untersucht im Detail, wie diese Technik es ermöglicht, klinisches Wissen mit der persönlichen Erfahrung des Patienten zu verbinden. Die methodologische Basis der Studie besteht aus philosophisch-epistemologischer und historisch-genealogischer Analyse: Einerseits rekonstruiert sie Charons Modell des "Close Reading" als reproduzierbare professionelle Praxis; andererseits verfolgt sie dessen Grundlagen in der New Criticism und vergleicht sie mit dem russischen Formalismus. Die wissenschaftliche Neuheit des Artikels liegt in der Interpretation von Close Reading nicht nur als disziplinierte Praxis des Zuhörens und Interpretierens der Erzählung des Patienten, sondern auch als epistemischen Rahmen, der durch das formalistische Konzept des Ostranenie substanziell bereichert werden kann. Es wird gezeigt, dass die Hinwendung zu Ostranenie es ermöglicht, über ein eng auf den Text zentriertes Verständnis von Narration hinauszugehen und diese als eine Form der De-Automatizierung der Wahrnehmung zu betrachten, die sowohl für den Patienten, der im Kontext chronischer Erkrankungen eine Krise des Alltags erlebt, als auch für den Arzt, der bestrebt ist, Krankheit in ihrem biographischen und sozialen Kontext zu erfassen, von Bedeutung ist. Der Artikel schließt mit der Feststellung, dass die Narration in der Medizin nicht nur eine repräsentative, sondern auch eine performative Funktion erfüllt: Sie beteiligt sich an der Objektivierung von Krankheitserfahrungen, an der Unterstützung der Therapietreue, an Entscheidungsfindung und an der Gestaltung einer reicheren Intersubjektivität zwischen Arzt und Patient.
Sofya Wsewolodowna Lawrentjewa (Mi,) untersuchte diese Frage.
Synapse has enriched 5 closely related papers on similar clinical questions. Consider them for comparative context: