In einer wachsenden Zahl von Veröffentlichungen wurde auf die Unterrepräsentation mittelund osteuropäischer (CEE) Stimmen und Perspektiven in der europäischen Forschung hingewiesen. Während dieses Problem in einer Reihe von Fachgebieten dokumentiert und aus verschiedenen Blickwinkeln theoretisch beleuchtet wurde, gibt es nur wenige praxisorientierte STS-Forschung zu diesem Thema. Diese Arbeit versucht diese Lücke zu schließen indem sie untersucht, wie CEE-Forschende die Forschungsräume, in denen sie sich bewegen, verstehen, sich darin zurechtfinden und wie sie sich selbst – und ihre Region – innerhalb der größeren europäischen Forschungslandschaft positionieren. Auf der Grundlage von Interviews und Kartierungsübungen mit Sozialwissenschaftler*innen aus Tschechien, Kroatien, Ungarn und Russland verfolge ich die Werdegänge der Forscher*innen und zeichne die Konstruktion ihrer individuellen Forschungslandschaften nach, wobei ich verschiedene Ebenen, Orientierungspunkte und Verhandlungsstrategien der Forscher*innen aufdecke. Die Analyse orientiert sich an der Schnittstelle postkolonialer und postsozialistischer Rahmenkonzepte sowie am Konzept epistemischer Lebensräume (Felt & Fochler, 2012) das globale Machtstrukturen und Hierarchien in der Wissensproduktion mit den individuellen Wahrnehmungen und Erfahrungen der Forscher*innen verknüpft. Auf diese Weise verknüpfe ich die verschiedenen Ordnungsformen, epistemischen Hierarchienund symbolischen Regime, die die Sinnbildung und Mobilität von Forschenden prägen, und beleuchte dabei Prekarität, Liminalität und Othering, die in europäischenForschungsräumen entstehen. Die Ergebnisse illustrieren nicht nur Erfahrungen mit einem strukturellen Mangel an Ressourcen in mittel- und osteuropäischen Forschungsräumen, sondern auch die Manifestationen der „the condition of Eastness“, (z. dt. Zustand des Östlichseins”) der in Martin Müllers (2020) Konzept des „Global East“ als ein Dasein zwischen Privilegien und Prekarität beschrieben wird. Forschungsräume in Mittel- und Osteuropa befinden sich in einer ambivalenten Position – materiell eingeschränkt durch die Kombination aus fehlenden Ressourcen und institutioneller Unterstützung, kulturell jedoch geprägt von der Erwartung, hinterherzuhinken und Aufholbedarf zu haben. Forscher*innen, die zwischen Ländern und Regionen wechseln, müssen sich mit diesen unterschiedlichen Bedingungen auseinandersetzen, was zu einem unsicheren und sichwandelnden Zugehörigkeitsgefühl führen kann. Liminalität, wie sie im Konzept des Global East verstanden wird, bedeutet daher nicht nur die Beschreibung eines Übergangszustands und eines Ortes am Rande, sondern auch eine ambivalente Identifikation und eine unsichere Zugehörigkeit. Diese Arbeit beleuchtet somit die Bedeutungen von „Ost“ und „West“, die in europäischen Forschungsräumen neu inszeniert werden, und leistet einen Beitrag zu breiteren Debatten über globale Asymmetrien in der Wissensproduktion. Indem sie die (Semi-)Peripherien der europäischen Forschung nachzeichnet, problematisiert sie letztlich Europa und „den Westen“ als unmissverständliche Zentren epistemischer Privilegien und erläutert deren innere Unterschiede und Asymmetrien.
Tereza Butková (Thu,) studied this question.