Zusammenfassung Der Aufsatz entwickelt eine neue theoretische und methodische Grundlage für die Erforschung von Geschichtsmythen. Er geht davon aus, dass Geschichtsmythen nicht nur als verzerrte oder instrumentalisierte Darstellungen der Vergangenheit verstanden werden sollten, sondern auch und vor allem als eigenständige Sinn- und Orientierungserzählungen mit nachhaltiger gesellschaftlicher Wirksamkeit. Vor diesem Hintergrund plädiert der Beitrag für eine systematische Analyse der Entstehungsbedingungen, Wandlungsprozesse und Wirkmechanismen historischer Mythen. Anhand zentraler Fallbeispiele – darunter der Bismarck-Mythos, der gescheiterte Mythos um Wilhelm den Großen, die Transformation des Jeanne-d’Arc-Mythos, der Mythenkampf um die Resistenza sowie die politische Instrumentalisierung des Churchill-Mythos – werden wesentliche Aspekte einer differenziellen Geschichtsmythenforschung diskutiert. Die Analyse zeigt, dass Geschichtsmythen sich je nach ihrer Entstehungsweise, ihrer narrativen Flexibilität und ihrer politischen Anschlussfähigkeit unterschiedlich entwickeln. Spontan entstandene Mythen erweisen sich als stabiler und wirkungsmächtiger als bewusst geschaffene Mythen. Mythen, deren narrativer Kern unangetastet bleibt, sind besonders anpassungsfähig, während solche, deren Kern verändert wird, an Wirkung verlieren. Zudem zeigt sich, dass Mythen nicht durch geschichtswissenschaftliche Dekonstruktion verschwinden, sondern nur dann, wenn entweder ihr gesellschaftliches Sinnbedürfnis erlischt oder sie durch konkurrierende Mythen ersetzt werden. Diese Erkenntnisse leisten einen Beitrag zur Theorie, Methodologie und Typologie einer vergleichenden und analytisch orientierten Mythenforschung innerhalb der Geschichtswissenschaft.
Benjamin Hasselhorn (Sun,) studied this question.