Gebäude sind nie das Werk einer einzelnen Person, sondern werden in jeder Phase ihrer Existenz von unzähligen Menschen und vielfältigen Geschichten geprägt. Das Erscheinungsbild eines Gebäudes – sein Design, seine Materialien und Technologien – ist leicht wahrnehmbar. Die körperliche Arbeit, die zu seiner Entstehung beigetragen hat, bleibt jedoch oft unsichtbar. Bis heute zählt das Bauwesen zu den arbeitsintensivsten Bereichen überhaupt: Eine Vielzahl von Fachkräften – von Planer:innen bis zu Bauarbeiter:innen – ist erforderlich, um ein Gebäude zu errichten. Auch nach der Fertigstellung sind Gebäude Arbeitsorte, die Instandhaltung, Reinigung und Reparaturen erfordern. Doch wer führt diese Arbeiten aus? Welche Arbeiter:innen würden niemals öffentlich die Autor:innenschaft an einem Gebäude beanspruchen, obwohl sie maßgeblich dazu beitragen, Ideen Wirklichkeit werden zu lassen? Viele dieser Geschichten bleiben ungehört und unsichtbar, verborgen hinter den Fassaden von Gebäuden und in traditionellen Archivierungspraktiken. Die physische Arbeit, die Gebäude erst ermöglicht und erhält, wird im architektonischen Diskurs oft übersehen. Zwar lassen sich Spuren dieser Arbeit in der fertigen Struktur erkennen, doch die Arbeiter:innen selbst verschwinden häufig aus den historischen Erzählungen, sobald die Bauarbeiten oder andere Tätigkeiten abgeschlossen sind. Vor diesem Hintergrund versteht diese Arbeit Architektur als kollektiven und prozessualen Akt und richtet den Fokus auf die Produktionsgeschichten von Gebäuden und ihre Beteiligten. Dabei werden gängige Formen der architektonischen Dokumentation und Autorschaft hinterfragt und nach alternativen Wegen gesucht, um Arbeit im Bauprozess sichtbar zu machen. Der Karl-Marx-Hof in Wien dient dabei als Fallstudie, um die Spuren seines Baus zu untersuchen und die Arbeiter:innen sowie ihre Geschichten in der historischen Erzählung hervorzuheben. Diese Arbeit zielt darauf ab, unsere Rolle als Architekturschaffende zu schärfen, indem Arbeitsrealitäten in der gebauten Umwelt sichtbar gemacht und Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie Arbeiter:innen und ihre Leistungen in Architekturarchiven integriert werden können.
Sinem Firat (Sun,) studied this question.