Diese Dissertation untersucht die Entstehung von Thomas S. Kuhns The Structure of Scientific Revolutions im Lichte historizistischen wissenschaftlichen Denkens und stellt gängige Interpretationen infrage, die Kuhns Werk primär der kantischen oder neukantianischen Philosophie zuordnen. Es wird argumentiert, dass sich Kuhns Historismus innerhalb der einzigartigen intellektuellen Umgebung Harvards entwickelte, welche europäische und amerikanische Traditionen auf besondere Weise verband und dadurch Kuhns historische sowie philosophische Perspektive nachhaltig prägte. In Teil I („Die Studienjahre“) wird dargelegt, wie Kuhns Ausbildung in einem vielfältigen philosophischen Umfeld stattfand. Während kantischer Pragmatismus und dessen logische Erweiterungen (etwa durch Sheffer, Russell, Whitehead und Langer) Teil der Harvarder Atmosphäre waren, lässt sich eine direktere Linie des machianischen Historismus über George Sarton und James B. Conant bis zu Kuhn nachzeichnen. Frühe Rezensenten von Structure, wie Marie Boas Hall, erkannten diese Einflüsse, insbesondere die Spuren von Comte und Sarton. Auch Philipp Franks Unity of Science-Programm verstärkte Kuhns Auseinandersetzung mit historizistischen Themen. Über den Pragmatismus hinaus wird der prägende Einfluss von Alexandre Koyrés Historismus und A.O. Lovejoys strenger Ideengeschichte hervorgehoben. Lovejoys beständige Kritik am russellianischen Neorealismus sowie sein Einfluss auf Kuhns historische Methode und philosophische Sensibilität werden anhand von Archivmaterial, insbesondere Kuhns Korrespondenz mit Lawrence S. Kubie, belegt. Weiterhin wird das Verhältnis zwischen amerikanischem kritischem Realismus und Kuhns intellektueller Entwicklung untersucht. Über Matthias Neubers Hinweis auf neukantianische Ursprünge hinaus wird argumentiert, dass die amerikanischen kritischen Realisten die kantische Grundlage weitgehend hinter sich gelassen hatten, was sich exemplarisch an Roy Wood Sellars’ entschiedener Absage an den Kantianismus zugunsten eines physikalischen Realismus zeigt. In Teil II („Die Lehrjahre und die Entwicklung der Structure“) wird Kuhns intellektuelle Reifung nachgezeichnet, mit besonderem Augenmerk auf seine Auseinandersetzung mit Piagets Entwicklungspsychologie, Ludwik Flecks Konzept der „Lehrbuchwissenschaft“ sowie den historizistischen Methodologien von Meyerson, Brunschvicg und Koyré. Obwohl Cassirers Neukantianismus die Harvarder Atmosphäre mitprägte, waren es vor allem nicht-kantische Denker – insbesondere Koyré –, die Kuhns Zugang zur Wissenschaftsgeschichte entscheidend beeinflussten. In Auseinandersetzung mit Michael Friedmans kantischer Rekonstruktion Kuhns wird argumentiert, dass Kuhns intellektuelle Bildung ein breiteres und eklektischeres Spektrum von Einflüssen widerspiegelt, als bislang weithin anerkannt. Die Befunde legen nahe, dass Kuhns Structure aus einer historisch fundierten, interdisziplinären Tradition des wissenschaftlichen Historismus hervorging, die seine späteren philosophischen Positionierungen bereits vorwegnahm und zugleich überstieg. Insgesamt präsentiert diese Dissertation The Structure of Scientific Revolutions als den kulminierenden Ausdruck einer tiefgreifenden, transatlantischen Tradition des wissenschaftlichen Historismus, die innerhalb des lebendigen intellektuellen Kontextes des Harvard der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ihre Synthese fand.
Mark Nader Basafa (Wed,) studied this question.