Menschen sind alltäglich mit Situationen konfrontiert, in denen Bewegungsausführung (z.B. Gehen) und Entscheidungsfindung (z.B. Ausweichen eines Hindernisses) gleichzeitig ablaufen müssen. Klassische Modelle der Entscheidungsfindung stoßen bei der Beschreibung und Erklärung derartig dynamischer Entscheidungen an ihre Grenzen, da sie von einer seriellen, modularen und teils hierarchischen Informationsverarbeitung ausgehen. Insbesondere sehen klassische Modelle nicht vor, dass Aspekte der Bewegungsausführung in den Entscheidungsprozess integriert werden. Neuere Forschungsergebnisse und verkörperte Entscheidungsmodelle legen jedoch nahe, dass der dynamische Körperzustand während Bewegungen und hieraus entstehende motorische Kosten in den Entscheidungsprozess integriert werden und Entscheidungen beeinflussen können. Neurophysiologische als auch kognitionspsychologische Forschungsbefunde legen darüber hinaus nahe, dass nicht nur dynamisch variierende motorische Kosten, sondern auch räumliche Eigenschaften der Bewegung Entscheidungsverzerrungen verursachen können. In natürlichem Verhalten sind beide Aspekte jedoch eng verwoben, was eine experimentelle Trennung dieser potenziellen Einflussfaktoren in bisherigen Experimentalparadigmen erschwert. Im Rahmen dieser Thesis wurde daher ein experimentelles Paradigma entwickelt und angewandt, das dynamische, verkörperte Entscheidungen simuliert und die Trennung motorischer und kognitiver Entscheidungsverzerrungen ermöglicht, die auf räumlichen Eigenschaften des Körperzustands während der Bewegungsausführung basieren. Die gewonnenen Daten sprechen für einen Einfluss motorischer Kosten als auch räumlicher Aspekte, die mit dem dynamischen Körperzustand assoziiert sind (Studien 1, 2 und 3). Des Weiteren integrieren Entscheider nicht den unmittelbaren Körperzustand, wenn der Entscheidungsprozess initiiert wird, sondern antizipieren, dass sich dieser bis zur Implementierung der Entscheidung verändern wird (Studie 2). Die empirischen Daten suggerieren zudem, dass Entscheider ihren Körperzustand antizipativ anpassen, um kognitive Interferenz zwischen Handlungsdurchführung und Entscheidungsfindung zu verringern. Weitere Daten legen nahe, dass die kognitive Interferenz durch eine Überlappung sensorischer, körperbezogener Effekt-Codes entsteht, hinsichtlich derer Bewegungen und Entscheidungen auf repräsentationaler Ebene überlappen (Studie 3). Die vorliegenden Forschungsergebnisse stellen somit klassische Entscheidungsmodelle in Frage und stützen moderne, verkörperte Modelle der Entscheidungsfindung. Zukünftige Studien stehen u.a. vor den Herausforderungen, methodische Limitationen des gegenwärtigen Paradigmas zu überwinden und abzuklären, inwieweit Lernprozesse den Einfluss von paralleler Bewegungsausführung auf Entscheidungsprozesse modulieren.
Philipp Raßbach (Thu,) studied this question.