Auch nach hundert Jahren Quantenmechanik ist die wahre Bedeutung des Quantenzustands noch nicht klar verstanden. Repräsentiert ein reiner Quantenzustand, beschrieben durch eine Wellenfunktion φ, eine reale physikalische Größe, vergleichbar mit Position und Impuls in der klassischen Mechanik, oder hat er, auch als reiner Zustand, lediglich eine statistische Bedeutung, ähnlich einer Wahrscheinlichkeitsverteilung? In diesem Artikel zeigen wir, dass es keinen Widerspruch zwischen diesen beiden Interpretationen gibt. Es müssen hier zwei Konzepte unterschieden werden: einerseits physikalische Objekte, die eine endliche Lebensdauer haben, und andererseits Teilsysteme (d.h. Tensorfaktoren) des Hilbertraums des Universums. Eine vollständige Beschreibung eines Objekts zu einem Zeitpunkt t erfolgt durch einen linearen Unterraum A seines Hilbertraums, der im Falle von dim A = 1 durch eine Wellenfunktion φ als A = φ spezifiziert werden kann. Allerdings kann für jedes Teilsystem Q, für jeden Zeitpunkt t und für jede Bedingung B der bedingte Quantenzustand W = W(Q,t|B) als statistischer Operator im Hilbertraum von Q definiert werden. Mit W können bestimmte (bedingte) Wahrscheinlichkeiten berechnet werden. Bei Rang W = 1 kann der Operator W auch durch eine Wellenfunktion φ spezifiziert werden, nämlich als W = |φ><φ|. Es sind die Teilsysteme des Hilbertraums, die die Rolle von "Quantensystemen" im Kopenhagener Formalismus spielen, und die für sie definierten Quantenzustände verhalten sich genau wie von diesem Formalismus beschrieben. Wenn eine Wellenfunktion φ die Beschreibung eines (Quanten-)Objekts repräsentiert, dann handelt es sich um eine reale physikalische Eigenschaft, das heißt, φ spielt eine "ontische" Rolle. Wenn φ jedoch einen Quantenzustand repräsentiert, dann ist ihre Rolle lediglich "statistisch". Wenn in diesem Fall die Bedingung B dem Wissen eines Subjekts entspricht, spielt φ eine "epistemische" Rolle. Zusätzliche Anmerkungen Die Argumentation in diesem Artikel basiert größtenteils auf einem neuen systematischen Ansatz zur Lösung des Interpretationsproblems der Quantenmechanik, der ursprünglich 2018 (in Deutsch) unter dem Titel "Realistische Quantentheorie" veröffentlicht wurde. Eine umfassende Darstellung dieses Ansatzes (in Englisch) wurde im Februar 2026 unter dem Titel "Realistic Quantum Theory: Solving the Interpretation Problem" veröffentlicht. Sie ist im Zenodo-Repository verfügbar (zenodo.18644694, siehe den Link unten unter "Verwandte Arbeiten" / "Literaturverzeichnis"). Das vorliegende Dokument stellt eine englische Version eines früheren Papiers in deutscher Sprache mit dem gleichen Titel dar, das ebenfalls im Zenodo-Repository verfügbar ist (zenodo.10694813, siehe den Link unten).
Rudolf Lierenfeldt (Thu,) studierte diese Frage.