Für Migrant*innen ist die Arbeitsmarktintegration von entscheidender Bedeutung, um finanziell abgesichert zu sein, soziale Teilhabe zu erleben und ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen. Auch die Zukunft ihrer Nachkommen wird maßgeblich von den materiellen und kulturellen Möglichkeiten der Eltern beeinflusst. Für die Gesellschaft insgesamt ist es von großer Bedeutung, dass alle Mitglieder gleichermaßen zur Stabilität und zum gesellschaftlichen Wohlbefinden beitragen. Moderne künstliche neuronale Netze erzeugen Klassifikationen, Erklärungen und Empfehlungen und übernehmen damit zunehmend die Rolle epistemischer Vermittlungsinstanzen. Die vorliegende Arbeit untersucht, ob – und in welchem Sinne – einem subsymbolischen Lerner (CLERE) Wissen zugeschrieben werden kann. Methodisch folgt sie einem epistemologischen Pluralismus, der eine technische Rekonstruktion der Kompetenz von CLERE – fehlergetriebenes Lernen, verteilte Repräsentationen und hochdimensionale Kodierung – mit zwei komplementären epistemischen Vokabularen zusammenführt: propositionalem Wissen (dem JTB-Schema sowie den Post-Gettier-Debatten über Internalismus und Externalismus) und implizitem Wissen (Ryles Wissen-wie, Polanyis implizites Wissen und Collins' Taxonomie des relationalen, somatischen und kollektiven impliziten Wissens). Die Analyse führt zu einem zweigeteilten Ergebnis. Auf der propositionalen Seite lässt sich das klassische JTB-Schema nicht unmittelbar anwenden, da Überzeugung und Rechtfertigung traditionell eine doxastische Perspektive im Raum der Gründe (space of reasons) voraussetzen. Wissensanaloge Zuschreibungen lassen sich dennoch rekonstruieren: internalistisch als kalibrierte Überzeugungsgrade (credences), gestützt auf lokale Evidenzkontrollen; externalistisch, indem CLEREs Ausgaben als Produkte eines Prozesses der Überzeugungsbildung betrachtet werden, deren epistemische Berechtigung von ihrer Einbettung in robuste soziotechnische Zuverlässigkeitsindikatoren und eine wissenschaftliche Fundierung abhängt. Auf der Seite des impliziten Wissens zeigt CLERE zwar ein performanzbasiertes Können im schwachen Sinne innerhalb seiner trainierten Domäne, erfüllt jedoch nicht die anspruchsvolleren Kriterien des polanyischen Begriffs von implizitem Wissen: Seine Integrationsleistungen sind mathematisch optimiert, nicht intentional gemeint; es mangelt ihm an Einfühlung (indwelling) und Verletzbarkeit; Intransparenz allein konstituiert noch kein implizites Wissen. Collins' Sozialisationsproblem markiert schließlich eine verbleibende Grenze: Kontinuierliches Lernen aus kuratierten Datenspuren ersetzt keine normative Teilhabe an einer lebendigen Praxis mit ihren Rechenschaftspflichten. Das Ergebnis lautet: CLERE ist am besten als epistemisches Instrument zu verstehen, dessen Ausgaben innerhalb angemessen geregelter Verarbeitungsketten wissenstragend sein können – während der primäre Träger epistemischer Kompetenz die soziotechnische Praxis bleibt, die das System trainiert, validiert und korrigiert.
Lionel Augustin Thalmann (Tue,) studied this question.